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Wie Studien verdreht werden

Posted on    4 mins read

Ein schönes Beispiel für professionell gemachte Fake News - oder zumindest grobe Fahrlässigkeit - findet sich unter https://unserplanet.net/e-autos-dreckig.

Das Ganze ist auch verbreitet als Facebook-Post unter https://www.facebook.com/unserplanet/videos/188402545408094, unter Einbindung eines grob thematisch verwandten Videos von ZDF heuteplus (dessen Wahrheitsgehalt ich hier nicht beurteilen kann und will).

Der verlinkte Artikel sagt:

“Eine aktuelle Studie, die vom Trancik Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) veröffentlicht wurde, hat jedoch ergeben, dass Elektroautos NICHT so grün sind, wie Sie denken und eigentlich schlimmere Umweltverschmutzer sind als Benzin- und Dieselautos.”

Also habe ich mal geschaut, ob es dieses Trancik Lab am MIT wirklich gibt, und ob es die Studie wirklich gibt.

Ja, es gibt dieses Labor, und hier ist die Studie um die es geht: http://pubs.acs.org/doi/full/10.1021/acs.est.6b00177.

Dann habe ich aber ein bisschen weiter gegoogelt, und habe einen Leserbrief an die Financial Times gefunden: https://www.ft.com/content/d14b6c8a-c61e-11e7-b2bb-322b2cb39656.

Der Leserbrief stammt von Geoffrey Supran, Marco Miotti - und Jessika Trancik. Also von den Autoren der Studie, um die es geht. Sie beziehen sich in ihrem Brief auf einen Artikel in der Financial Times namens “Green driving’s dirty secret”, der unter https://www.ft.com/content/a22ff86e-ba37-11e7-9bfb-4a9c83ffa852 abrufbar ist (leider nur gegen Bezahlung).

Also, was schreiben die Autoren der Studie in ihrem Leserbrief?

“Sir, We are dismayed by how your Big Read article ‘Green driving’s dirty secret’ (November 9) turns the fundamental conclusions of our research at Massachusetts Institute of Technology on their head, giving the public a misleading perspective on electric vehicles.”

Übersetzung:

“Sir, Wir sind bestürzt darüber, wie Ihr Artikel ‘Green driving’s dirty secret’ (vom 9. November) die grundlegenden Schlussfolgerungen unserer Forschung am Massachusetts Institute of Technology auf den Kopf stellt und der Öffentlichkeit eine irreführende Perspektive auf Elektrofahrzeuge gibt.”

Weiter heisst es:

“The electric vehicle industry faces a ‘wake-up call’, the article reads, because the emissions of one petrol car (Mitsubishi Mirage) are slightly lower than the emissions of one electric car (Tesla Model S P100D), in one region of the US.”

Übersetzung:

“Die Elektrofahrzeugindustrie steht vor einem ‘Weckruf’, heißt es in dem Artikel, weil die Emissionen eines Benzinautos (Mitsubishi Mirage) etwas niedriger sind als die Emissionen eines Elektrofahrzeugs (Tesla Model S P100D), in einer Region der USA.”

Jetzt kommt der wichtige Teil:

“There are three fallacies here. First, Tesla-versus-Mirage is an apples-to-oranges comparison, pitting a luxury, high-power electric model against a subcompact, low-power petrol one. (The article glosses over a fairer comparison - between the Tesla and a BMW 7-series - that shows the Tesla has significantly lower carbon emissions.) Second, even if we entertain this comparison, our research shows that the Mirage’s emissions are lower than the Tesla’s only in carbon-intensive electricity grids like the US Midwest, where electricity production emits roughly 40 per cent more CO2 than the US average, and more than twice as much as many European countries (including the UK). The Tesla/Mirage example is attention grabbing, but belies the reality that most electric cars emit considerably less CO2 over their lifetimes than petrol cars.”

Wieder die Übersetzung:

“Hier gibt es drei Irrtümer. Erstens ist der Tesla-gegen-Mirage Vergleich ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen, bei dem ein luxuriöses Hochleistungs-Elektromodell mit einem kleinen, kompakten Benziner mit geringer Leistung verglichen wird. (Der Artikel übergeht einen faireren Vergleich - zwischen dem Tesla und einem BMW 7er - der zeigt, dass der CO2-Ausstoß des Tesla erheblich niedriger ist.) Zweitens: Auch wenn wir diesen Vergleich untermauern, zeigen unsere Untersuchungen, dass die Mirage-Emissionen nur in kohlenstoffintensiven Stromnetzen wie im Mittleren Westen der USA niedriger sind als die des Tesla, wo die Stromerzeugung etwa 40 Prozent mehr CO2 ausstößt als im Durchschnitt der USA und mehr als doppelt so viel wie in vielen europäischen Ländern (einschließlich Großbritannien). Das Tesla / Mirage-Beispiel garantiert Aufmerksamkeit, aber es verdeckt die Realität, nämlich dass die meisten Elektroautos im Laufe ihres Lebens erheblich weniger CO2 emittieren als Benzinfahrzeuge.”

Die letzte Aussage des Satzes stelle ich noch mal heraus: Die meisten Elektroautos emittieren im Laufe ihres Lebens (inklusive Herstellung!) ERHEBLICH weniger CO2 als Benzinfahrzeuge.

Das ist das Ergebnis der Studie. Das betonen die Autoren der Studie - unter anderem Jessika Trancik vom Trancik Lab am MIT höchstselbst - in ihrem Leserbrief an die Financial Times.

Denn die Financial Times hat dasselbe gemacht wie unserplanet.net: Sich den schlechtestmöglichen Vergleich aus der Studie herausgepickt, und damit die Aussage der Studie komplett auf den Kopf gestellt. Aus dem Ergebnis der Studie (Elektroautos erzeugen erheblich weniger CO2 als Benziner) machen sie das genaue Gegenteil: “Elektroautos sind NICHT ‘grün’, sondern verschmutzen Umwelt mehr als Benzin-Autos”.

Dazu ein schickes Video und ein Verweis auf die Quelle “ZDF heuteplus”, und schon klingt das alles ganz überzeugend. Und richtig.

Obwohl es komplett falsch ist.

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